Kritik am Kreationismus
Die
grundlegenden Kritikpunkte
an der bibeldogmatischen
Schöpfungstheorie
Vorwort
Verschiedene Arten von
Kreationismus
Die 7000-Jahre-Interpretation der
Genesis ist nicht zwingend
Die Widersprüche von Gen 1 und Gen
2
Die „bibeltreue“ Interpretation ist
bibelverfälschend
Spurensuche in den sumerischen
Mythen
Das Buch Genesis ist nicht
„historisch“
Bereshit bara
– Was sagen die ersten Worte der
Bibel?
Fazit

Der
Schöpfergott erschafft Adam (Michelangelo Buonarroti)
Die
Bibel (1. Buch Mose, „Genesis“) enthält zwei
Schöpfungsberichte:
Der erste ist die Sieben-Tage-Schöpfung; der Mensch
wird am 6. Tag erschaffen.
Vorwort
Die vehementeste und konsequenteste
Darwinismus-Kritik kommt aus dem Lager der biblischen
Kreationisten. Aber wie die nachfolgenden
Ausführungen zeigen, stellen sie nur das andere
Extrem dar. Die Darwinismus-Kritik der Kreationisten
ist sehr erhellend, in gewissen Punkten sogar
vernichtend, aber ihre Alternative ist auch nicht
„besser“. Da sie einen religiösen
Absolutheitsanspruch vertreten, indem sie nur die
Bibel und nur ihre eigene Interpretation der Bibel
gelten lassen, erscheint ihre Darwinismus-Kritik
nicht so sehr als Kritik, sondern vielmehr als ein
Mittel der radikalen Missionierung.
Die Darwinismus-Kritik der biblischen (und auch der
islamischen) Kreationisten ist sehr fundiert, obwohl
die Evolutionsanhänger sie meistens pauschal als
„pseudowissenschaftlich“ abkanzeln. Obwohl die
kreationistische Darwinismus-Kritik alles andere als
pseudowissenschaftlich ist, muß sie sich einen
berechtigten Vorwurf gefallen lassen, nämlich den der
voreiligen Schlußfolgerung. Denn sehr oft wird von
seiten der Kreationisten behauptet oder zumindest
angedeutet, die Tatsache, daß die materialistische
Evolutionstheorie große Mängel aufweise, bedeute
automatisch, daß deshalb die biblische Beschreibung
die richtige sei. Der Bibel-Kreationismus präsentiert
sich gerne als die einzig wirkliche Alternative zum
Darwinismus, was er aber keineswegs ist. Er ist
nichts anderes als die „These“, zu der der
Darwinismus seit der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts die Stellung der „Antithese“ bezogen
hat. Die Lösung ist jedoch nicht einfach eine
„Synthese“, denn die Vereinigung zweier
Halbwahrheiten bringt nicht gezwungenermaßen eine
höhere Wahrheit hervor.
Die Mängel des Darwinismus sind also noch lange kein
Beweis dafür, daß der Mensch die Schöpfung eines
anthropomorphen Gottes ist, der aus Lehm Adam, den
ersten Menschen, modellierte und aus dessen Rippe
einen weiteren Menschen, die erste Frau, erschuf.
Verschiedene Arten von
Kreationismus
Die Kreationisten, die eine biblische
Schöpfungstheorie vertreten, sind entsprechend ihrer
jeweiligen Genesis-Interpretation in verschiedene
Lager gespalten. (Vertreter unterschiedlicher
Kreationismus-Richtungen sind auch Islam zu finden,
der ebenfalls - mit unterschiedlichen
Interpretationen - von der biblischen Genesis mit
Adam und Eva ausgeht.)
Mit dem Begriff „biblischer
Kreationismus“ werden
all jene Strömungen zusammengefaßt, die die
Entstehung des Kosmos, der Erde und der Menschheit
mit der biblischen Genesis erklären. Wie bereits
erwähnt, ist auch das kreationistische Lager vielfach
zersplittert. Grundsätzlich lassen sich folgende drei
Strömungen unterscheiden:
Die 7000-Jahre-Interpretation
der Genesis ist nicht zwingend
Die
Annahme, die gesamte Schöpfung habe vor rund 7000
Jahren stattgefunden, begründet sich dadurch, daß
laut Bibel die Erschaffung von Adam und Eva vor 7000
Jahren stattgefunden habe. Das Buch Genesis nennt
alle Nachkommen von Adam und Eva mit Namen und
Lebensdauer. Die Genealogie wird von Adam und Eva
über Noah bis hin zu Abraham und von Abraham über
Isaak und Jakob bis hin zu Jesus geführt. Das
Matthäus-Evangelium enthält eine Liste von Jesu
Vorfahren, die bis auf Abraham zurückgeht. Das
Lukas-Evangelium nennt eine Liste, die sogar bis Adam
zurückgeht. Zwischen diesen beiden Listen bestehen
jedoch erhebliche Unterschiede.
Bei der Untersuchung der biblischen
Schöpfungsbeschreibung ist es wichtig zu wissen, daß
im 1. Buch Mose (genannt „Genesis“) die Erschaffung
des Menschen zweimal beschrieben wird.
Die erste Beschreibung findet sich im ersten Kapitel
der Genesis im Rahmen der Sieben-Tage-Beschreibung:
Und
Gott sprach: „Lasset uns Menschen machen nach unserem
Bilde […]“ Und Gott schuf den Menschen nach seinem
Bilde, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn; als Mann
und Frau schuf er sie. […] Und Gott sah alles an, was
er gemacht hatte, und sah, daß es gut war. So wurde
es Abend und Morgen: der sechste Tag.
(Gen
1,26-31)
Die zweite Beschreibung findet sich gleich
anschließend an die Sieben-Tage-Beschreibung (ab Gen
2,4). Es ist die Geschichte der Erschaffung von Adam
und Eva; diese führt über den Sündenfall hin zu Noah
und zur Sintflut:
Als
Gott, der Herr, Himmel und Erde machte, gab es
zunächst noch kein Gras und keinen Busch in der
Steppe; denn Gott hatte es noch nicht regnen lassen.
Es war auch noch niemand da, der das Land bebauen
konnte. Nur aus der Erde stieg Wasser auf und tränkte
den Boden. Da nahm Gott Erde, formte daraus den
Menschen und blies ihm den Lebenshauch in die Nase.
So wurde der Mensch lebendig. (Gen
2,4-7)
Für die Kreationisten ist diese zweite Beschreibung
ein Rückgriff auf das erste Kapitel der Genesis,
wobei nun im Detail beschrieben werde, wie Gott am
sechsten Tag den Menschen geschaffen habe. Deshalb
liege dieser sechste Schöpfungstag genauso 7000 Jahre
zurück wie die Erschaffung von Adam und Eva.
Die Annahme, Gott habe die Welt vor 7000 Jahren
erschaffen, stammt also nicht aus dem
Sieben-Tage-Bericht von Gen 1, sondern aus Gen 2 und
wird abgeleitet aus dem Stammbaum von Adam. Wenn nun
beide Schöpfungsberichte gleichgesetzt und vermischt
werden, drängt sich fast gezwungenermaßen der
theologische Schluß auf, Gott habe die Welt vor 7000
Jahren „aus dem Nichts“ geschaffen.
Die Annahme, die Geschichte von Adam und Eva sei
nichts anderes als die detaillierte Beschreibung von
Tag 6 aus Gen 1, ist jedoch sehr umstritten. Erstens
wird dies im Bibeltext selbst nicht gesagt, zweitens
werden unterschiedliche Gottesnamen verwendet (in Gen
1 „Elohim“, in der Adam-und-Eva-Geschichte „Jahwe“),
und drittens lassen sich deutliche Widersprüche
zwischen beiden feststellen. Aus inhaltlichen,
sprachlichen und texthistorischen Gründen sind die
meisten Bibel-Theologen deshalb auch der Ansicht, daß
Gen 1 und Gen 2 (ff.) parallele Beschreibungen der
Menschenschöpfung sind, die aus unterschiedlichen
Quellen stammen und nicht direkt zusammenhängen.
Die Widersprüche von Gen 1 und
Gen 2
Wie
bereits betont, behauptet die Bibel nicht, daß die
Beschreibung der Schöpfung des Menschen in Gen 1 und
Gen 2 dasselbe sind. Diese Ansicht ist eine
Interpretation, die zwingend notwendig ist, wenn man
die historischen Wurzeln der Bibel nicht beachtet und
meint, die gesamte Bibel sei direkt von Gott diktiert
worden und Gott habe in Kapitel 2 der Genesis einfach
nur das genauer beschreiben wollen, was er in Gen 1
in einer kurzen Zusammenfassung skizziert hatte. Wäre
das der Fall, hätte der Schreiber, der Gottes Diktat
empfing, bestimmt darauf hingewiesen, daß hier
nochmals das Geschehen des sechsten Tages beschrieben
wird. Das tut er jedoch nicht, und Gen 2 klingt auch
nicht wie ein Anschluß an Gen 1. Gen 2 enthält nicht
die geringste Bezugnahme auf Gen 1 und stellt
vielmehr eine eigene, ganz anders geartete
Schöpfungsgeschichte dar. Dies führt zu erheblichen
Widersprüchen, die von den Bibel-Kreationisten nur
mit großer Mühe und nicht sehr überzeugend
wegdiskutiert werden können. (Dieses Wegdiskutieren
ist nur dann nötig, wenn man die beiden
Beschreibungen aufgrund einer dogmatischen
Bibel-Interpretation a priori als identisch sehen
„muß“.)
Ein deutlicher Widerspruch ist folgender: In Gen 1
heißt es, daß Gott die Pflanzen am dritten Tag schuf.
Aber in Gen 2 wird ausdrücklich gesagt, daß es zum
Zeitpunkt der Erschaffung des Adam auf der Erde noch
keine Vegetation gab.
Kreationisten antworten hier, dies sei kein
Widerspruch, denn in Gen 2,8 heiße es, daß Gott den
Garten Eden anlegte und dort Bäume „pflanzte“ und
„aufwachsen“ ließ; es sei also keine Neuschöpfung,
sondern ein Zurückgreifen Gottes auf eine bereits
vollzogene Schöpfung, nämlich auf die des dritten
Tages.
Dem kann man wiederum entgegenhalten, daß Gott am
ersten Tag (gemäß der wörtlichen Lesart) das
Universum und darin allein die Erde als
Lebensträgerin geschaffen habe. Am dritten Tag heißt
es: „Die Erde soll grün sein, alle Arten von Pflanzen
und Bäumen sollen darauf wachsen …“ Erst am vierten
Tag schafft Gott die anderen Himmelskörper,
insbesondere die Sonne und den Mond. Die Erde wurde
also grün ohne Sonne und Mond! Gemäß der
Interpretation der Kreationisten besagt dies, daß
alle Himmelskörper nur in bezug auf die Erde
erschaffen worden seien; sie seien Leuchten am Himmel
und nicht etwa Orte eines „außerirdischen“ Lebens.
(Der größte Teil des Universums mit all seinen
Galaxien und Sonnen wäre dann allerdings eine
nutzlose Schöpfung, denn von den meisten Sternen
dringt kein Licht bis zur Erde vor, und von den
dortigen Planeten erst recht nicht.)
Am fünften Tag entstehen die Vögel und die
Wassertiere, und Gott sagt deutlich: „Vermehrt euch
auf der Erde …“ Am sechsten Tag werden die Tiere
geschaffen, und dann sagt Gott: „Laßt uns den
Menschen machen!“ Da nirgendwo gesagt wird, daß Gott
woanders als nur auf der Erde Leben geschaffen hat,
haben alle Schöpfungsakte auf der Erde stattgefunden.
Am sechsten Tag wurde der Mensch also – gemäß Gen 1 –
in eine Welt gesetzt, in der bereits eine
vollständige Pflanzen- und Tierwelt vorhanden war.
Aber Gen 2,19 sagt, daß Gott nach der Erschaffung des
Adam „aus Erde die Landtiere und Vögel formte“, und
danach erschafft er aus „Adams Rippe“ die Eva, damit
der Mann Adam nicht alleine sei.

Sündenfall
(Hugo van der Goes 1470)
Der
zweite Schöpfungsbericht dreht sich um die
Erschaffung von Adam und Eva,
wobei dieser Bericht viele Elemente aus der
sumerischen Überlieferung
enthalten. Das bibelkreationistische Dogma besagt,
die Adam-und-Eva-
Geschichte sei die detaillierte Schilderung von dem,
was im anderen
Schöpfungsbericht als „Tag 6“ erwähnt wird. Weil die
Schöpfung von Adam
und Eva laut Bibelangabe rund fünftausend Jahre v.
Chr. geschah, entsteht
aus der Verschmelzung der beiden Schöpfungsberichte
die (irrige) Annahme,
der Tag 6 und somit die gesamte Erschaffung der Erde
und des Universums(!)
habe vor siebentausend Jahren
stattgefunden.
[Bildquelle:
http://www.zeno.org - Zenodot Verlagsgesellschaft
mbH]
Im Schöpfungsbericht werden uns sowohl
Glaubensaussagen als auch ein Spektrum
naturwissenschaftlich bedeutsamer Fakten übermittelt.
Diese sind so grundlegend für das Verständnis dieser
Welt, daß sie sich deutlich von allen heidnischen
Glaubensvorstellungen, von den Kosmologien und
Kosmogonien alter Völker und der heutigen
naturphilosophischen Vorstellungen absetzen.
Solch voreingenommene und auch unwahre Behauptungen
sind leider erforderlich, wenn man einen
pseudo-biblischen Absolutheitsanspruch
aufrechterhalten will.
Letztlich läßt sich der Kreationistenstreit auf zwei
grundlegende Glaubensfragen reduzieren: Ist die
Geschichte von Adam und Eva und ihren Nachkommen nur
symbolisch oder auch historisch gültig? Ist die
Geschichte von Adam und Eva identisch mit dem
sechsten Schöpfungstag, der im 1. Kapitel der Genesis
beschrieben wird?
Die Young-Earth-Kreationisten beantworten beide
Fragen mit einem kategorischen und „kompromißlosen“
Ja, weshalb sie auch der Ansicht sein müssen, die
Erde, die Sonne und das gesamte Universum seien nicht
mehr als 7000 Jahre alt.
Die „bibeltreue“ Interpretation
ist bibelverfälschend
Wer
den theologischen Überbau des „biblischen“
Kreationismus näher betrachtet, erkennt bald, daß
dieser einer Form von Religion entspringt, die auf
verblüffende Ursprünge zurückgeht, insbesondere auf
die Vorstellung, Sündenvergebung und Erlösung sei nur
durch „Blut“ möglich. Einer der führenden
internationalen Kreationisten-Prediger der Gegenwart,
Ken Ham, schreibt in seinem Buch Genesis and the
Decay of Nations (1991), S. 21:
Im
Hebräer-Brief 9,22 heißt es: „… ohne Blutvergießen
gibt es keine Vergebung der Sünden.“ Gott führte den
Tod und das Blutvergießen ein, damit der Mensch am
Schluß erlöst werden kann. (Er tötete im Garten Eden
notwendigerweise zumindest ein Tier, um Adam und Eva
ein Kleid aus Fell geben zu können.) Tod und
Blutvergießen gab es vor Adams Sündenfall nicht.
Hätte es dies gegeben, wäre die gesamte
Erlösungsbotschaft ein Unsinn. In Liebe führte Gott
den Tod ein, damit wir sterben und unsere sündhaften
Körper ablegen können und damit Jesus kommen und am
Kreuz sterben konnte, indem Er Sein kostbares Blut am
Kreuz vergoß – so daß Er vom Tod auferstehen konnte
und wir in Ewigkeit mit Ihm zusammensein können.
Mit ihrer
Genesis-Interpretation erheben die Kreationisten
einen Monopolanspruch auf die Erlösung durch Jesus
Christus, indem sie sagen, Sünde und Tod seien durch
den Sündenfall von Adam und Eva entstanden, und Jesus
sei gekommen, um die Menschheit durch sein Opferblut
von dieser Erbsünde zu befreien; wenn man nicht auf
die Art an die Genesis glaube, wie sie, die
Kreationisten, es tun, verliere man die durch Jesus
angebotene Erlösung und komme in die ewige Hölle.
Wer die Bibel mit einem Absolutheitsanspruch auslegt,
wie dies die Young-Earth-Kreationisten – und auch
andere Kreationisten – tun, vertritt eine
Erlösungsbotschaft, die aus der Bibel selbst nicht
hervorgeht. Vielmehr sagt Jesus sehr deutlich, was er
für das wichtigste Gebot hält, dem alle anderen
Gebote untergeordnet sind:
„Liebe
Gott, den Herrn, mit deinem ganzem Herzen und mit
deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Denken.
Dies ist das größte und wichtigste Gebot. Das zweite
ist gleich wichtig: ,Liebe deinen Nächsten wie dich
selbst!‘ In diesen beiden Geboten ist alles
zusammengefaßt, was das Gesetz und die Propheten
fordern.“ (Mt
22,37-40)
Diese Aussage Jesu ist so wichtig und zentral, daß
sie in drei der vier Evangelien fast gleichlautend
wiedergegeben wird. Nirgendwo verlangt Jesus, daß man
ein Bibelfundamentalist sein müsse, um Gottes Gnade
zu erlangen – aus dem einfachen Grund, weil es damals
noch gar keine Bibel gab! Wenn in einem Apostelbrief
(1 Thess 2,13) gesagt wird: „Das von uns gepredigte
Wort ist Gottes Wort“, so ist es ebenfalls nicht
zulässig, dies ausschließlich und pauschal auf die
Bibel zu beziehen, eben weil die Bibel erst
dreihundert Jahre später von der römischen Kirche im
Lauf mehrer Konzilien zusammengestellt wurde.
Die Behauptung, wer Jesus nachfolge, müsse
fundamentalistisch an die Bibel glauben, ist nichts
Geringeres als eine Verfälschung der Botschaft Jesu.
Jesus hat sehr deutlich gesagt, was er von
Fundamentalisten und Schriftgelehrten hielt, und er
hat auch davor gewarnt, daß viele – und nicht nur
einige Außenseiter – in seinem Namen kommen würden.
Der biblische Genesis-Bericht vermittelt eine
grundlegende Beschreibung der Motive und Methoden
Gottes hinsichtlich der Schöpfung. Insbesondere weist
er auf die Individualität Gottes hin, ohne die man
das Geheimnis der Schöpfung nicht richtig verstehen
kann. Wenn man die Genesis mit einer Sicht liest, die
hinter die Buchstaben reicht, bekommt man einen
Schlüssel, der es erlaubt, auch die anderen
Textstellen differenziert zu verstehen, denn nicht
alle sind direkt Gottes Wort. Einige spiegeln ältere
Quellentexte wider, die auf sumerische
Überlieferungen zurückgehen, nicht zuletzt auch die
Beschreibung von „Adam und Eva“ und von „Gottes
Zorn“, der zur Sintflut führte. Der Vergleich dieser
Quellen bringt Erstaunliches an den Tag.
Spurensuche in den sumerischen
Mythen
Was
das Thema „Sintflut“ betrifft, so kann die
kreationistische Forschung im Bereich der Geologie
und Paläontologie deutlich zeigen, daß die Erde
voller Spuren einer solchen weltweiten Katastrophe
ist. Diese Spuren springen ins Auge, sobald man die
Brille der darwinistisch-aktualistischen
Geologie-Interpretation ablegt. Hinzu kommt, daß
praktisch alle alten Kulturen der Welt einen
Sintflutbericht kennen. Relevant für unsere Analyse
sind die Parallelen zwischen der biblischen und der
sumerischen Darstellung.
Es besteht kein Zweifel, daß die
Sintflutbeschreibungen, die in den Keilschrifttexten,
insbesondere im Gilgamesch-Epos, zu finden sind,
älter sind als der Bericht in der Bibel. Wie in den
Genesis-Kapiteln 6 bis 9 werden auch in den
Keilschrifttexten die Vorgeschichte der Sintflut, die
Sintflut selbst und das Ende der Sintflut
beschrieben; es überlebt ebenfalls nur eine einzige
Familie dank vorheriger göttlicher Warnung.
Gemäß den sumerischen Texten ereignete sich die
Sintflut im Rahmen eines archaischen Konfliktes
zwischen Enlil und Enki, den beiden Führern der
sumerischen Götter, die als „Anunnaki“ (wörtlich:
„die vom Himmel (anu)
kamen (na)
auf die Erde (ki)“)
bezeichnet werden. In moderner
Science-fiction-Sprache ausgedrückt, verwendeten
diese Anunnaki das Dimensionstor des Nahen Ostens, um
Zugang zur Erde zu bekommen. Warum kamen sie auf die
Erde? Die sumerischen Texte sagen es deutlich: um die
Ressourcen des Planeten auszubeuten und sich
Arbeitssklaven zu schaffen.
Die Hauptstützpunkte dieser Kolonisatoren befanden
sich in dem geographischen Bereich, der später Sumer
und Babylon genannt wurde (größtenteils im heutigen
Irak). Ihr Aktionsfeld erstreckte sich aber über den
ganzen Mittleren und Nahen Osten bis nach Libanon, wo
man heute noch einen der wenigen erhaltenen Reste
ihrer vorsintflutlichen Megalith-Zweckbauten findet:
Im hügeligen Gebiet von Baalbek/Libanon erstellten
sie eine große Terrassenfläche, in deren Stützmauern
sie gewaltige Steinblöcke einfügten, insbesondere
drei perfekt behauene Riesenquader, die je 20 m lang,
4 m breit und 3,6 m hoch sind; jeder wiegt rund 800
Tonnen!
Die Keilschrifttexte berichten, daß die Anunnaki zum
Zeitpunkt der Sintflut immer noch auf der Erde
anwesend waren und daß sie entschieden, die
Menschheit durch diese globale Katastrophe umkommen
zu lassen. Enki jedoch warnte einen seiner
Lieblingsmenschen und gab ihm eine Anleitung, wie er
ein sintflutsicheres Boot bauen konnte. Als die
anderen Götter erkannten, daß ein kleiner Teil der
Menschheit überlebt hatte, wurden sie zornig, doch
sie ließen sich von Enki beruhigen, da die
Überlebenden wieder bereit waren, ihnen Opfer
darzubringen. In der sogenannten Ninive-Fassung des
Gilgamesch-Epos heißt der Überlebende Utnapischtim,
in den alten sumerischen Keilschrifttexten heißt er
Ziusudra. Ein anderer Name für Gott Enki ist Ea.
In seinem Buch „Middle Eastern Mythology“ (1963),
einem Standardbuch zu diesem Thema, schreibt Prof.
Samuel Henry Hooke:
Das
zentrale Motiv des [Flut-]Mythos ist, daß die Götter
entscheiden, die Menschheit zu zerstören […]. Es ist
schon seit langem bekannt, daß die biblische
Sintflutgeschichte auf den babylonischen Mythos
zurückgeht […]. Daß die babylonische Darstellung des
Mythos jedoch auf einer früheren, sumerischen Version
gründet, wurde erst 1914 bekannt, als der
amerikanische Gelehrte Arno Poebel Fragmente
sumerischer Keilschrifttafeln veröffentlichte, die
Episoden beschrieben, die klar dem Mythos der Flut
entsprachen. […] Grundlegend besagt die sumerische
Version der Sintflutgeschichte folgendes: Am Punkt,
wo das Fragment beginnt, erscheint ein Gott, der
seine Absicht kundtut, die Menschheit vor der
Zerstörung zu erretten, obwohl die Götter entschieden
haben, die Menschen dieser Zerstörung preiszugeben.
Der Grund für diese Entscheidung wird nicht genannt.
Enki ist der Gott, der Schritte unternimmt, um die
Menschheit vor der Zerstörung zu retten. Er
unterrichtet Ziusudra, den frommen König von Sippar,
was zu tun ist, um die Flut zu überleben.
(S. 30-31)
Im Gilgamesch-Epos wird beschrieben, wie die Anunnaki
die Erde bei der Sintflut verlassen müssen und dabei
um ihre Verluste klagen. In der deutschen Übersetzung
von Albert Schott (Reclam Verlag 1988) klingt dies
wie folgt:
Einen
Tag lang wehte der Südsturm …,
Eilte dreinzublasen, die Berge ins Wasser zu tauchen,
Wie ein Kampf zu überkommen die Menschen.
Nicht sieht einer den andern,
Nicht erkennbar sind die Menschen im Regen.
Angesichts dieser Sintflut erschraken die Götter,
Sie entwichen hinauf zum Himmel des Anu –
Die Götter kauern wie Hunde [zusammengerollt],
Sie lagern draußen [im Weltall?].
Es schreit Ischtar wie eine Gebärende,
Es jammert die Herrin der Götter, die schönstimmige:
„Wäre doch jener Tag zu Lehm geworden,
An dem ich der Schar der Götter Schlimmes gebot!
Wie konnte ich der Schar der Götter Schlimmes
gebieten,
Den Kampf zur Vernichtung meiner Menschen gebieten!
Erst gebäre ich meine lieben Menschen,
Und nun erfüllen sie wie Fischbrut das Meer!“
Die Anunnaki-Götter klagen mit ihr,
Die Götter … sitzen da und weinen […]
Gemäß der Aussage der Anunnaki-Frau Ischtar, auch
Inanna genannt, war sie es, die die Menschen geboren
hat, und sie bereut es, daß sie die anderen Götter
dazu angehalten hat, „meine lieben Menschen“ zu
vernichten. Die Redewendung „Wäre doch jener Tag zu
Lehm geworden“ bedeutet: „Wäre dieser Tag doch nie
geschaffen worden.“ Hier macht Ischtar eine direkte
Verbindung von „Lehm“ und „Existenz“, was damals
anscheinend eine übliche Redewendung war. Im selben
Atemzug spricht sie von den Menschen, die sie erschuf
und die dann auf ihre Anweisung hin wieder vernichtet
werden sollten. Die Parallelen zum „Gott“, der in der
Bibel den Adam aus Lehm schafft, danach dessen
Vernichtung befiehlt und dann angesichts der
unerwarteten Gewalt der Sintflut die Vernichtung
bereut, sind frappant.
In dieser Hinsicht ist auch aufschlußreich, wie das
Gilgamesch-Epos das Ende der Sintflut beschreibt:
Zum
Berg Nissir [im heutigen Kurdistan] trieb heran das
Schiff.
Der Berg Nissir erfaßte das Schiff und ließ es nicht
wanken […]
Einen Raben ließ ich hinaus;
Auch der Rabe machte sich fort. Da er sah, wie das
Wasser sich verlief,
Fraß er, scharrte, hob den Schwanz – und kehrte nicht
um.
Da ließ ich [alle Insassen des Schiffes] hinausgehn
nach den vier Winden;
Ich brachte ein Opfer dar,
Ein Schüttopfer spendete ich auf dem Gipfel des
Berges:
Sieben und abermals sieben Rauchgefäße stellte ich
hin,
In ihre Schalen schüttete ich Süßrohr, Zedernholz und
Myrte.
Die Götter rochen den Duft,
Die Götter rochen den wohlgefälligen Duft,
Die Götter scharten sich wie Fliegen um den Opferer.
[…]
Sobald Enlil hinzugekommen war,
Sah Enlil das Schiff und ergrimmte,
Voller Zorn ward er über die Igigi-Götter:
„Eine Seele wäre entronnen?
Überleben sollt' niemand das Verderben!“
[Doch Enlil wird von Ea besänftigt …]
Da sprach Enlil, uns segnend:
„Ein Menschenkind zuvor war Utnapischtim;
Uns Göttern gleiche fortan Utnapischtim und sein
Weib! […]“
Im Vergleich dazu lese man die Version im Buch
Genesis:
Am
siebzehnten Tag des siebten Monats ließ sich die
Arche auf den Bergen von Ararat nieder. Die Wasser
aber sanken noch weiter, bis zum zehnten Monat; am
ersten Tag des zehnten Monats wurden die Spitzen der
Berge sichtbar. Nach Verlauf von vierzig Tagen aber
öffnete Noah das Fenster der Arche, das er gemacht
hatte, und ließ einen Raben ausfliegen; der flog hin
und her, bis die Wasser auf der Erde vertrocknet
waren. […] Da ging Noah hinaus mit seinen Söhnen, mit
seinem Weibe und seinen Schwiegertöchtern. […] Noah
baute dem Herrn einen Altar; dann nahm er von allen
reinen Tieren und von allen reinen Vögeln und brachte
Brandopfer auf dem Altar dar. Und der Herr roch den
lieblichen Duft und sprach bei sich selbst: Ich will
hinfort nicht mehr die Erde wegen der Menschen
verfluchen […] (Gen
8,4-7; 18-21, Zürcher Bibel)
Der gesamte Sintflut-Bericht der Bibel geht also auf
sumerische, „heidnische“ Quellen zurück, aus denen
die Verfasser der Genesis schöpften und das
Überlieferte entsprechend umschrieben.
Ähnliches gilt auch für die Geschichte von Adam und
Eva, die heute als derart typisch biblisch gilt, daß
in ihr kaum jemand mehr die „heidnische“ Quelle
erkennt. Die Geschichte von Adam und Eva hat neben
sumerischen Wurzeln auch ägyptische, denn die
Darstellung von Gott, der den Menschen aus Lehm
schafft, stammt aus diesem Kulturkreis. Der
„ägyptische“ Gott Chnum bildet den physischen und
ätherischen Körper des Menschen, und die Göttin Heket
macht den irdischen Menschenkörper lebensfähig, indem
sie ihm das Leben (symbolisiert durch das Ankh, das
Zeichen des Lebens) einströmen läßt. Hiervon finden
sich in altägyptischen Tempeln viele Darstellungen,
wie z.B. die hier abgebildete (nachgezeichnet von
Hans Peter Renner, in: Hans Baumann, „Die Welt der
Pharaonen“, Sigbert Mohn Verlag 1959).
Hinter dieser scheinbar primitiven Darstellung
verbirgt sich hohes mystisches Wissen: Der physische
Körper des Menschen und sein ätherisches Doppel (im
Ägyptischen
ka genannt)
wurden durch das gemeinsame Wirken von dualen
Lichtwesen nach ihrem Abbild aus der
dreidimensionalen Materie heraus verdichtet, so wie
ein Töpfer ein Tongefäß (als geistige Vorstellung)
durch konzentriertes Handeln aus der Erde heraus Form
annehmen läßt.
Das Buch Genesis ist nicht
„historisch“
Nicht-dogmatische
Bibel-Philologen aus jüdischem und christlichem
Hintergrund räumen ohne ideologische Vorbehalte ein
und betonen sogar, daß im Alten Testament, vor allem
in der Genesis, verschiedene „heidnische“ Elemente zu
finden sind. Im Alten Testament sind offensichtlich
verschiedene Strömungen zusammengeflossen und wurden
von den Redakteuren zu einem monotheistischen
Gottesbild zusammengestellt, wobei gerade in der
Sintflutgeschichte die polytheistischen Wurzeln nur
sehr dürftig verwischt werden konnten. Diese
Erkenntnis ist nicht wirklich neu, sondern bestätigt
einfach das, was Philologen schon seit einiger Zeit
wissen. Deshalb machen einige religiöse Institutionen
daraus auch kein Geheimnis, auch jüdische nicht.
Ein Beispiel hierfür ist die neue Torah-Übersetzung,
die im Jahr 2001 von der „Rabbinical Assembly“, der
internationalen Vereinigung konservativer Rabbis, und
von der „United Synagogue of Conservative Judaism“
herausgegeben wurde: Etz Hayim – Torah and
Commentary. (Etz Hayim ist der hebräische Ausdruck
für „Baum des Lebens“.) Dieses großformatige und
monumentale Werk (1560 S.) ist die neue
Standardausgabe der Torah für Millionen von Juden,
sowohl für den privaten Gebrauch als auch für die
öffentlichen Lesungen in der Synagoge. Die objektive,
selbstkritische Haltung in den Kommentaren und
erläuternden Artikeln offenbart einen erfrischenden,
aber (für Fundamentalisten) provokativen
Antidogmatismus.
Etz Hayim geht vom ältesten heute noch verfügbaren
Torah-Manuskript aus, vom sogenannten „Leningrader
Manuskript“ aus dem Jahr 1009. „Zwischen der
ursprünglichen Niederschrift des Dokuments und der
ältesten Kopie, die wir heute noch besitzen, besteht
daher eine Lücke von rund 2000 Jahren“, erklärt
Benjamin Edidin Scolnic in seinem Etz-Hayim-Beitrag
„Modern Methods of Bible Study“ (S. 1499). Und er
fügt hinzu (S. 1500):
Es
mag aussehen, als ob die Torah [zu der auch die fünf
Bücher Mose gehören] einen einheitlichen Bericht über
die israelitische Geschichte und Gesetzgebung während
der Zeit der Patriarchen und des Mose darstelle. Eine
detaillierte Untersuchung des Textes hat moderne
kritische Gelehrte jedoch zur Ansicht kommen lassen,
daß die Torah eine Zusammenstellung aus mehreren
Quellen ist, die auf verschiedene Strömungen
literarischer Traditionen zurückgehen, die über den
Zeitraum der biblischen Periode (ca. 1200 – ca. 400
v. Chr.) verfaßt und zusammengestellt wurden. Weil
die Torah, aus dieser Perspektive betrachtet, ein
Amalgam der Werke verschiedener Autoren und Schulen
ist, enthält sie eine Fülle von faktischen
Ungereimtheiten und widersprüchlichen Regeln sowie
Unterschiede im Stil, im Vokabular und sogar in der
Theologie.
Im Jahr 2001 veröffentlichten zwei führende jüdische
Bibelarchäologen – Israel Finkelstein, Direktor des
archäologischen Instituts der Universität von Tel
Aviv, und Neil Silberman, Co-Redakteur des namhaften
„Archaeology Magazine“ – ein aufsehenerregendes Buch:
„The Bible Unearthed – Archaeology’s New Vision of
Ancient Israel and the Origin of Its Sacred Texts“,
in der deutschen Übersetzung: „Keine Posaunen vor
Jericho – Die archäologische Wahrheit über die Bibel“
(München: Verlag C.H. Beck, 2002). Diese Autoren
präsentieren die neusten Erkenntnisse der
Bibelarchäologie und die sehr unorthodoxen
Schlußfolgerungen, die sich aufdrängen:
Offensichtlich
haben sich viele Ereignisse der biblischen Erzählung
nicht in der beschriebenen Zeit oder Weise
zugetragen. Einige der berühmtesten Ereignisse haben
nie stattgefunden. (S. 16 in
der dt. Ausgabe)
Mit anderen Worten: Man wird dem Buch Genesis nicht
gerecht, wenn man behauptet, es stelle eine Schrift
über wissenschaftliche Menschheitsgeschichte und
Kosmologie dar. Die Schreiber wollten gar nicht eine
Schrift mit diesem Anspruch verfassen, denn sie sahen
sich in einem ganz anderen historischen, kulturellen
und sozialen Kontext.
Die Adam-und-Eva-Geschichte ist also nicht
„historisch“ (im anthropologischen Sinn) und auch
nicht identisch mit der Beschreibung des sechsten
Tages in Gen 1. Die scheinbar wörtliche Auslegung der
zwei biblischen Schöpfungsberichte, wie ihn die
Bibel-Kreationisten „kompromißlos“ verfechten, indem
sie behaupten, Gen 1 und Gen 2 seien identische und
zusammenhängende Schöpfungsberichte, geht am
eigentlichen Kern dieser Berichte vorbei und führt
zur falschen Schlußfolgerung, die Bibel besage, Gott
habe die Welt und den Menschen vor siebentausend
Jahren geschaffen.
Bereshit
bara
– Was sagen die ersten Worte der Bibel?
Die
weltweit aktivste bibelkreationistische Organisation
nennt sich „Answers in Genesis“. Sie vertritt die
Young-Earth-Theorie, und ihr Motto lautet:
Upholding
the authority of the Bible from the very first
verse („wir
halten die Autorität der Bibel vom allerersten Vers
an hoch“).
Die Ironie hierbei ist, daß gerade der erste Vers der
Bibel, angefangen mit den ersten zwei Wörtern, die
bibeldogmatische Interpretation nicht stützt!
Der Schöpfungsbericht der Bibel beginnt mit den
Worten: „Am Anfang schuf Gott die Himmel und die
Erde. Die Erde aber war wüst und leer, Finsternis lag
auf der Urflut, und der Geist Gottes schwebte über
den Wassern. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es
ward Licht. Und Gott sah, daß das Licht gut war, und
er schied das Licht von der Finsternis.“
Die hebräische Formulierung des ersten Satzes
lautet:
Bereshit bara jah elohim eth ha schamajim ve eth ha
eretz, normalerweise
übersetzt als „Am Anfang (bereshit)
schuf (bara)
Gott (jah
elohim) die
Himmel (eth
ha schamajim) und die
Erde (ve
eth ha eretz).“
Vom Begriff
bara leiten die
Kreationisten ihre Vorstellung von einer „Schöpfung
aus dem Nichts“ ab, denn
bara bezieht
auf das urerste Schöpfen, das nur Gott vollziehen
kann. „Schaffen im Sinne von ‹bara› kann allein Gott.
[…] Im Zusammenhang mit ‹bara› wird auch nie ein
Grundstoff genannt, aus welchem Gott etwas schafft,
denn ‹bara› ist das neue, unerhörte Schaffen, ohne
daß irgend etwas vorgegeben ist. ‹Bara
kann nur
eine
creatio ex nihilo (eine
Schöpfung aus dem Nichts) ausdrücken.›“ Dies sagt
sogar die „Wuppertaler Studienbibel“ (1983), die
nicht explizit kreationistisch ausgerichtet ist.
Würde diese Interpretation stimmen, müßte man daraus
schließen, daß Dunkelheit der Urzustand des Daseins
sei und daß Gott Licht aus der Finsternis geschaffen
habe. Würde diese Interpretation stimmen, hieße dies,
die Finsternis sei die eigentliche, ursprüngliche
Realität, und Licht sei aus der Dunkelheit
entstanden. Gott wäre hier dann „Luzifer“, der
„Lichtbringer“! Wenn wir betrachten, wie viel
Blutvergießen (in Form von Menschenverfolgung,
Inquisition, Kreuzzügen, Völkermorden auf allen
Kontinenten, usw.) durch die absolutistischen,
selbstherrlichen Bibelverfechter verursacht worden
ist, zeigt sich, daß aus Dunkelheit nie Licht
entsteht und daß Dunkelheit nicht der Urzustand der
Realität sein kann.
Bezeichnenderweise widerspricht der hebräische
Originaltext der obigen Interpretation von Anfang an,
denn er beginnt mit den zwei Wörtern
bereshit bara. Im
Hebräischen stellt jeder Buchstabe auch eine Zahl
dar. Die zwei Auftaktwörter der Torah und der
gesamten Bibel beginnen mit B, und B steht für die
Zahl 2.
Am Anfang der Genesis erscheint also zweimal die Zahl
2. Genesis
1.1. beginnt mit 2 – 2! Im numerologisch
(kabbalistisch) geprägten Hebräischen ist dies
bestimmt kein Zufall, sondern entspricht der weisen
Absicht der Verfasser.
Stellen Sie sich vor: Sie öffnen ein heiliges Buch,
und das erste, was Sie sehen, ist nicht etwa eine 1,
sondern eine große 2, ja sogar eine doppelte 2!
Dadurch, daß Genesis 1.1. mit 2 - 2 beginnt, sollen
offensichtlich zwei Botschaften signalisiert werden.
Erstens: Dieses Buch beginnt mit Akt 2! Der
Sieben-Tage-Schöpfungsakt ist nicht die primäre,
sondern die „sekundäre“ Schöpfung.
Die zweifache 2 beinhaltet auch die Zahl 4, die Zahl
der Materie. Was die Genesis beschreibt, ist nicht
die Urschöpfung, sondern die untergeordnete
Schöpfung
innerhalb des
materiellen Universums.
Eine ausführliche Beschreibung der primären und der
sekundären Schöpfung findet sich in den altindischen
Sanskrit-Schriften, insbesondere in den Puranas. Die
Sanskrit-Begriffe für die primäre und die sekundäre
Schöpfung lauten
sarga und
visarga. Die
Sanskrit-Wortwurzel
sarg- findet
sich auch im griechischen Wort
sarx, das
„Fleisch; die verdichtete Materie des Lebens, des
Logos“, bedeutet. Wenn es am Anfang des
Johannes-Evangeliums heißt: „Und das Wort wurde
Fleisch“, lauten die entsprechenden griechischen
Begriffe: „Und
logos wurde
sarx!“ (Eine
ausführliche Beschreibung der altindischen,
„vedischen“ Genesis findet sich in meinem Buch „Gott
und die Götter“.)
Die biblische Genesis sagt also nicht: Am Anfang war
die Finsternis, und Licht entstand aus der
Finsternis. Vielmehr besagt sie, daß innerhalb des
bereits geschaffenen Ur-Universums zunächst
Finsternis herrschte und daß der Schöpfergott Licht
in diese Finsternis brachte. Dies alles
geschah
nicht „aus dem
Nichts“, wie auch die jüdische Torah-Ausgabe „Etz
Hayim“ (S. 4) bestätigt:
Der
hebräische Stamm des Wortes, das als „schaffen“
übersetzt wird, wird in der Bibel nur für göttliches
Schaffen verwendet. Er weist darauf hin, daß das
erschaffene Objekt einzigartig ist, daß es für sein
Entstehen allein von Gott abhängig ist und daß es von
den Menschen nicht reproduziert werden kann. Das Verb
bedeutet nie „Erschaffung aus dem
Nichts“.
Die
Kreationisten, die behaupten, das erste Kapitel der
Genesis beschreibe den absoluten Uranfang, eine
„Schöpfung aus dem Nichts“, sagen damit, daß aus dem
Nichts zuerst die Finsternis entstanden sei. Dies
entspricht jedoch dem Blickwinkel eines Standpunktes,
der sich selbst innerhalb der Finsternis befindet,
vergleichbar mit jemandem, der in einem dunklen Raum
sitzt und sagt: „Es war finster, wüst und leer, und
da waren Mauern, die aus dem Nichts entstanden.“ Die
Genesis sagt jedoch etwas ganz anderes und macht dies
vom ersten Buchstaben an deutlich.
Wer die Autorität der Bibel vom allerersten Wort an
aufrecht erhalten will, sollte diese Zusammenhänge
kennen – was bei den Bibel-Kreationisten leider nicht
der Fall ist.
Fazit
Der
biblische Young-Earth-Kreationismus erweckt den
Eindruck, die einzige Alternative zum Darwinismus sei
der Glaube an die Sieben-Tage-Schöpfung (inkl. Adam
und Eva) vor siebentausend Jahren. Diese Ansicht wird
von der Bibel selbst nicht bestätigt, denn sie
entspringt der falschen Ansicht, die beiden
Schöpfungsberichte, niedergeschrieben in Gen 1 und
Gen 2, entsprängen derselben Quelle, seien
zusammenhängend und identisch – und die Geschichte
von Adam und Eva sei im anthropologischen Sinn
historisch.
Durch diese dogmatische Kreationismusform werden
viele Menschen von jeder Evolutionskritik
abgeschreckt, und den Verfechtern des Darwinismus
fällt es leicht, anhand des Young-Earth-Kreationismus
jegliche Evolutionskritik lächerlich zu machen und
dadurch von den wirklich relevanten Argumenten
abzulenken. Die Kreationisten sind also indirekt sehr
hilfreiche Unterstützer des Materialismus, was nicht
wirklich überrascht, denn im Kampf der Extreme
vertreten beide Lager immer nur halbe Wahrheiten.
Die säkularen Kritiker des Christentums können heute
leicht beweisen, daß das Alte Testament in
historischer Hinsicht viele Mängel und Erfindungen
(„Legenden“) enthält. Wenn die Bibel-Kreationisten
uneinsichtig an ihrem fundamentalistischen Standpunkt
festhalten, können sie den berechtigten Einwänden
nicht richtig begegnen. Denn das Alte Testament wurde
von den Verfassern nicht als historischer und erst
recht nicht als kosmologischer Text konzipiert. Mit
ihren Theorien werden die Bibel-Kreationisten der
eigenen Heiligen Schrift nicht gerecht, denn sie
geben diese als etwas aus, was sie gar nicht ist und
auch gar nicht sein will.